Anfang September. Ich stehe am Stand in Jessen, die Sonne hat noch Kraft, aber der Schatten ist schon kühl. Ich halte das Ohr an die Beute, so wie ich es immer mache, bevor ich den Deckel anfasse.
Kein Sommerbrausen mehr. Ein tieferes, satteres Summen. Ruhiger. Gesammelter.
Die Bienen igeln sich ein. Und ich mit ihnen.
Der Sommer endet früher, als du denkst
Für uns Menschen ist der September noch Sommer. Die Tomaten sind rot, abends sitzt man draußen. Für ein Bienenvolk ist der September Vorbereitung.
Die großen Trachten sind durch. Die Tage werden kürzer, und im Stock verschiebt sich alles.
Die Königin legt weniger. Nicht, weil sie müde wäre, sondern weil das Volk keine Sommerbienen mehr braucht. Es braucht Winterbienen. Andere Tiere, im Grunde, auch wenn sie gleich aussehen. Sie leben Monate statt Wochen, weil sie kaum noch Brut versorgen und nicht mehr Tag für Tag auf Sammelflug gehen.
Das Volk schrumpft also. Und wird dabei nicht dünner, sondern dichter.
Sie machen die Tür kleiner
Wenn du im Herbst vor einer Beute stehst, siehst du Handwerk. Die Bienen verkleinern das Flugloch mit Propolis, dem Kittharz, das sie von Knospen und Rinde sammeln. Ritzen werden verschlossen, Kanten geglättet, Zugluft ausgesperrt. Ein Volk baut sich seine eigene Haustür, jedes Jahr neu, und jedes Jahr ein bisschen anders.
Ich helfe nach. Fluglochkeil rein, Mäusegitter davor. Denn eine Maus, die im November eine offene Tür findet, zieht ein. Und geht nicht freiwillig wieder.
Der Rest ist Schauen, Wiegen, Nachrechnen. Sitzt das Volk ruhig? Hat es genug? Ich hebe die Beute hinten leicht an, Kippkontrolle nennen wir das, und spüre am Gewicht, wie es um die Vorräte steht. Kein Messgerät, keine Tabelle. Die Hand weiß das nach ein paar Jahren.
Ich nehme nur, was übrig ist
Genau deswegen ernte ich nur den Überfluss. Was im Brutraum steht, bleibt im Brutraum. Ich nehme verdeckelte Waben aus dem Honigraum, sonst nichts. Verdeckelt heißt reif, denn die Bienen verschließen eine Zelle erst, wenn der Honig darin fertig ist.
Ein Volk, das im Oktober an seine Reserve muss, ist kein Volk, das mir im Mai etwas gibt. Partner, keine Nutztiere. Das ist bei mir keine Romantik, das ist schlicht Rechnen.
Und ehrlich: Der Moment, in dem ich den letzten Honigraum abnehme, ist jedes Jahr ein bisschen wehmütig. Danach ist Schluss. Was jetzt noch kommt, kommt nächstes Jahr.
Dann wird es still
Irgendwann im Oktober kippt es. Die Flugbretter leeren sich, das Volk rückt zusammen, und was bleibt, ist ein warmer, dunkler Kern in einer kalten Kiste.
Sie schlafen nicht. Sie halten sich. Wie genau sie das machen, ist eine eigene Geschichte, die erzähle ich dir ein anderes Mal.
Für mich beginnt die andere Hälfte des Jahres. Werkbank statt Stand. Rähmchen richten, Wachs klären, Kerzen ziehen, Etiketten kleben, Gläser spülen. Ich bin meistens am Werkeln, nur eben drinnen, mit Radio und kaltem Kaffee.
Mein Tipp
Räum deinen Garten im Herbst nicht leer. Lass die verblühten Stauden stehen, vor allem die mit hohlen Stängeln: Karde, Fenchel, Königskerze, Beifuß. Dazu eine Ecke mit Laub und ein paar Ästen, die niemand harkt. In diesen Stängeln überwintern Wildbienen und andere Insekten. Wenn du schneiden musst, schneide erst im März, und leg das Schnittgut noch zwei, drei Wochen in eine ruhige Ecke, bevor es auf den Kompost wandert. Kostet dich nichts außer der Gewohnheit, im Oktober alles kurz zu machen.
Auch im Glas wird es Herbst
Der Honig macht das Seine mit. Was im Juli noch dünn vom Löffel lief, wird jetzt fester. Das liegt am Verhältnis von Traubenzucker zu Fruchtzucker: Je mehr Glukose ein Honig mitbringt, desto schneller kristallisiert er.
Rapshonig wird darum früh fest, Waldhonig bleibt lange flüssig. Beides ist richtig. Beides ist Honig. Fest heißt nur, dass er sich verhält, wie Honig sich verhält.
Mein Frühstückshonig steht im September ohnehin meistens schon cremig im Regal. Auf dem Brot merkt das niemand, außer dass er nicht mehr an den Rändern herunterläuft.
Bis dahin
Wenn du zwischen Nebel und nassem Laub etwas Sommer im Glas brauchst: Der Hofladen in Jessen 18 ist rund um die Uhr offen, Abholung machen wir am liebsten per WhatsApp aus. Der Onlineshop schläft auch nicht.
Und jetzt du: Was ist bei dir das erste Zeichen, dass der Sommer vorbei ist? Bei mir ist es dieses Summen, das eine Nummer tiefer geht.


